3.3.5 Dürerbund

Ferdinand Avenarius gründete 1902 den „Dürerbund“, einen Volksbildungs-, Kulturpflege- und Heimatschutzverein, der am 1. Oktober in Wirksamkeit trat. Avenarius übernahm selbst den Vorsitz. Der Dürerbund stand im engen Zusammenhang mit dem Kunstwart und kann als Organisation der Kunstwartleser angesehen werden. Der Bund sollte die Tätigkeit des Kunstwarts praktisch unterstützen und an der ästhetischen Erziehung des Volkes arbeiten. Er war ein Glied in der großen Gebildeten-Reformbewegung [122]. Der Name des Bundes ließ die höchste Wertschätzung für Albrecht Dürer erkennen, „des Allerdeutschesten in der Kunst“, dem nachzueifern man die Gegenwart aufforderte [123].

Um möglichst viele Mitglieder anzuziehen, erfolgte ein Aufruf im Kunstwart: „Jeder Leser und jede Leserin dieser Zeilen vermag Befreundete und Bekannte zu diesem Werke heranzuziehen. Wir brauchen viele, wir brauchen Mitglieder zu Abertausenden, um eine öffentliche Macht zu werden. Ihr Geistlichen und ihr Lehrer, ihr Künstler und ihr Gelehrten, ihr Männer alle des praktischen Lebens, ihr Arbeiter mit Kopf und Hand, ihr Alten und ihr Jungen, ihr Frauen auch, deren Kindern die deutsche Zukunft gehört, ihr Jungfrauen und ihr Jünglinge, die ihr selbst noch Zukunft seid - helft uns, helft euch, helft unserm Volke, wiederzugewinnen und weiterzubauen.“ [124] Dass diesem Aufruf sehr viele Kunstwartleser folgten, zeigt sich an der Tatsache, dass er 1912 mehr als 300 000 Angehörige hatte und davon waren über die Hälfte Lehrer [125]. Auf Grund der Tatsache, dass Rühle Mitglied in einem naturwissenschaftlich orientierten Verein „Isis“ war, ist anzunehmen, dass auch diese Ziele ihn ansprachen und er irgendwann Mitglied des Dürerbundes wurde. Der Mitgliederjahresbeitrag betrug eine Mark, „doch ist dieser Betrag der Mindestbeitrag, der nur ungefähr die Selbstkosten der Zuwendungen deckt, die der Dürerbund seinerseits seinen Mitgliedern macht. Erst der eine Mark übersteigende Beitrag fördert unsere Vereinszwecke.“ [126]

Der Dürerbund trat für eine Volksbildung ein und unterstützte dies durch Herausgabe von Büchern, Bildmappen, setzte sich für den Schutz von Kunstdenkmälern ein, gab den Kalender „Gesundbrunnen“ und das „Dürerbundflugblatt“ heraus, organisierte Ausstellungen, den Verkauf und Verleih von Kunstwerken und kunstgewerblichen Erzeugnissen und vieles andere mehr [127].

Da im Ersten Weltkrieg der Kampf für eine höhere Gesinnung und für eine bessere Kultur gesehen wurde, unterstützte und unterrichtete der Dürerbund die Soldaten mit Bildmappen von Ostpreußen und anderen Landschaften [128], mit Freiexemplaren des Kunstwarts und des Kalenders „Gesundbrunnen“, mit Flugschriften, Leseheften u. a. [129].

Der verlorene Krieg hatte jedoch den Willen zur nationalen Kraftentfaltung und Selbstbehauptung der Gebildeten ernüchtert [130], so dass es auch bei den Dürerbündlern zu keiner einhelligen Resonanz mehr kam. Alle Gründe zusammenfassend, äußerte sich Kratzsch 1969: „Der Wandel des Dürerbundes zu einem kulturellen Publikationsunternehmen, die mangelnde Pflege der Kontakte zu den Mitgliedern, die Fehleinschätzung des geistigen Niveaus und Interesses der Kunstwartleser, die Ironisierung des Engagements mancher Träger kultureller Bestrebungen, das Verkennen der Tendenz zur Politisierung und die Auflösung der ideologischen Übereinstimmung zwischen Leitung und Anhängerschaft führten zum Zerfall des Kunstwartkreises und des Dürerbundes.“ [131] Am 21. Dezember 1935 erfolgte die Auflösung des Dürerbundes [132].


[122] Vgl.: Kratzsch, G.: 1969. S. 11, 42, 137, 139, 362 u. vgl.: Koszinowski, I.: 1985. S. 13.

[123] Aus: KW 12.1898.6. S. 218 u. KW 14.1901.24. S. 471 u. vgl. nach: Kratzsch, G.: 1969. S. 242.

[124] Aus: Ferd. Av.: Zum Dürer-Bunde. Ein Aufruf. In: KW 14.1901.24. S. 474.

[125] Vgl.: Syndram, K. U.: 1989. S. 87 u. vgl.: Kratzsch, G.: 1969. S. 377, 467.

[126] Aus: Kunstwartarbeit. 1908. S. 67.

[127] Vgl.: Kunstwartarbeit. 1908. S. 66f u. vgl.: Heres, G.: 1999. S. 173f.

[128] Vgl.: Dürerbundflugschrift Nr. 36. 1915. S. 895.

[129] Vgl.: Dürerbundflugschrift Nr. 38. 1917. S. 941 u. vgl.: KW 28.1915.23. S. 151 u. vgl. nach Kratzsch, G.: 1969. S. 369, 394.

[130] Vgl.: Kratzsch, G.: 1969. S. 398.

[131] Aus: Kratzsch, G.: 1969. S. 439.

[132] Vgl.: Kratzsch, G.: 1969. S. 441.